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Die Autonomiephase - Die Entdeckung des eigenen Ich's

Als Trotzphase bekannt geworden

Autonomie, vor einigen Jahren wusste kaum jemand was dieses Wort mit Kindern zu tun hat, und selbst heute werde ich immer wieder gefragt „was heißt denn eigentlich Autonomiephase?“

Es ist eine unglaublich wichtige Phase für die Entwicklung eines gesunden Nervensystems und hat nichts mit Trotz zu tun, auch wenn diese Phase lange Zeit und auch heute noch Trotzphase genannt wurde.

Kleine Kinder läuten, zusammen mit dem Beginn des aufrechten Gangs, die Autonomiephase ein. Die Entdeckung des eigenen Ichs. Sie wollen plötzlich Dinge selbst tun, selbst bestimmen, sich selbst spüren und selbst entscheiden. Sie möchten spüren, dass sie handeln können und dass sie damit etwas bewirken können. Der eigene Wille wird entwickelt und dazu gehört die Entscheidung über das was, wann, wie und wo! Dabei stoßen die kleinen Kinder häufig noch an viele Grenzen und dann passiert etwas Spannendes. Etwas woran viele Eltern und weitere Bezugspersonen oft verzweifeln.

Das Gehirn kurz erklärt

Denn das kleine Gehirn beginnt hier eine Entwicklung, die unglaublich wichtig ist und gleichzeitig unglaublich herausfordernd, sowohl für das Kind als auch für die Erwachsenen.

Das emotionale Gehirn, das limbische System entwickelt sich nun sehr schnell und überholt dabei das kognitive Gehirn. Der Verstand, die Vernunft und die Impulskontrolle, die Teile des kognitiven Gehirns sind, sind zwar schon angelegt aber noch nicht ausgereift. Es dauert sehr viele Jahre bis die neuronalen Bahnen, durch Erfahrungen und viel Üben so weit entwickelt sind und sich verknüpft haben, dass sie unter anderem, die Emotionen regulieren können.

Die emotionalen Hirnbereiche sind für die überlebensnotwendigen Emotionen, wie Wut, Trauer, Freude, Angst und Schmerz verantwortlich. 

Nun ist es sogar so, dass zusätzlich zur verzögerten Entwicklung der Kognition, auch noch das kognitive Gehirn, bei starken Emotionen abgeschaltet wird. Die Gefühle sind also unglaublich stark, unreguliert und überflutend. Die Kinder haben darauf keinen Einfluss, sie sind extrem überfordert und können nicht anders!

Konflikte über Konflikte

Und hier kommen auch die Wutanfälle ins Spiel, die sich teilweise zu türmen scheinen. Die Kinder erleben immer wieder große Frustration, sie haben nicht die kognitive Möglichkeit ihr Ziel umzuplanen, zu verwerfen oder sich sprachlich zu erklären. Damit entstehen Konflikte über Konflikte und dabei gibt es wichtige Punkte zu beachten:

Die Kinder sind nie gegen uns, sondern handeln immer nur für sich selbst!

Wir können den Kindern nicht die heftigen Emotionen ersparen

Das gesamte Spektrum an Gefühlen darf sein und wird kennengelernt

Erwachsene sollten nie in den Machtkampf gehen

Es ist kein Trotz, denn dieses Wort impliziert ein gewolltes Handeln des Kindes

Woher kommt die heftige Wut?

Um zu verstehen, was wir als Erwachsene bei heftigen Wutanfällen von Kindern tun können, ist es so wichtig zu wissen, was einen Wutanfall bedingt.

Zum Einen ist das Verlangen nach Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit, also das Autonomiebestreben extrem hoch. Klappt das Vorhaben, das Ziel des Kindes nicht, dann überrumpeln die Gefühle blitzschnell und heftig das Kleinkind. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass kleine Kinder sehr starre Zielvorstellungen haben und ihnen noch keine Handlungsalternativen kognitiv zu Verfügung stehen. Das heißt also, dass sie nicht in der Lage sind, sich selbst eine Alternative zu überlegen, sondern sie fallen in eine tiefe Hilflosigkeit. 

Und Zack, der Wutanfall ist da!

Umplanen erfordert Frustrationstoleranz

Wir Erwachsenen haben sehr oft im Alltag ein Händchen dafür, die Zielplanungen der Kinder zu unterbrechen. So müssen Kinder sehr oft im Alltag umplanen und das erfordert eine wahnsinnig hohe Frustrationstoleranz.

Das ist tatsächlich ein Punkt auf den die Erwachsenen, bei viel Wut der Kinder, schauen dürfen. Wie oft muss das Kind umplanen, wie oft wird das Kind unterbrochen? Können wir JA-Umgebungen schaffen, in dem die Kinder nicht ganz so oft ein Nein zu hören bekommen? Können wir dafür sorgen, dass das Kind weniger Frustration erfährt?

Wutanfälle Verhindern?

Wir können und sollten dabei nicht das Ziel haben, die Wutanfälle zu verhindern. Das Kennenlernen von Gefühlen ist gesund, wichtig und letztlich unentbehrlich für ein gesundes Aufwachsen. Wir als Erwachsene können aber den Kindern helfen, die Gefühle einzuordnen und mit ihnen umzugehen, indem wir Folgendes wissen:

Wut ist eine gesunde Abgrenzungsenergie, es gibt mir einen Hinweis auf eine Grenzüberschreitung und das ist sehr wichtig für eine gesunde Psyche

Wenn wir in Verbindung mit den Kindern bleiben, signalisieren wir ihnen, dass wir sie sehen und hören und ihr Anliegen verstehen, welches Sicherheit vermittelt und die wichtigsten emotionalen Grundbedürfnisse stillt

Kinder können sich nicht selbst aus ihrer Not befreien, sie brauchen die zuverlässige Unterstützung von Erwachsenen, sie brauchen die Regulation von außen um zu lernen sich selbst zu regulieren, wir nennen das auch Fremd- oder Co-Regulation

Werden die Kinder so begleitet, lernen sie mit der Zeit mit Frustrationen umzugehen und sich dazu sprachlich ausdrücken zu können.

Wenn die Wut auf uns überspringt

Die Wut in Erwachsenen wird oft von der kindlichen Wut getriggert, angepiekst, weil sie selbst als Kinder nicht begleitet oder sogar bestraft wurden. Ein Erwachsener kann nicht ein Kind Co-regulieren, wenn sein eigenes Nervensystem alarmiert ist, denn dabei verlieren auch Erwachsene, auf Grund der überflutenden Emotionen, den Zugriff auf ihre Kognition.

Daher gilt als erste Regel, wie auch im Flugzeug mit den Sauerstoffmasken, immer sich selbst zuerst zu regulieren und dann erst mit der Co-regulation beginnen.

Für die eigene Regulation ist es wichtig auf die eigene Kindheit zu schauen, und zu wissen, dass die eigene Wut viel älter ist, als das Kind was es nun gerade auslöst.

Außerdem gibt es viele Möglichkeiten der Eigenregulation, die jeder ganz individuell für sich finden und nutzen darf, wie das achtsame Atmen, ein kaltes Glas Wasser trinken, rückwärts zählen und viel mehr.

Wie funktioniert Co-regulation?

Die Erwachsenen haben die Verantwortung für die Wiederherstellung des Kontaktes zum Kind, das Kind hat den Kontakt verloren und kann diese Verantwortung noch nicht übernehmen. Die Kontaktwiederherstellung geschieht indem, wir unserem Kind Halt und Sicherheit geben und es Verständnis für sich und sein Verhalten erfährt.

Mit Verständnis und Geduld kann die begleitende Person:

  • die Gefühle des Kindes altersgerecht benennen
  • die eigenen Gefühle benennen
  • Raum geben
  • Angebote machen
  • Zeit geben
  • einfach da sein
  • und die Situation aushalten und halten

Mit der Benennung von Gefühlen und dem vorsichtigen Ausprobieren von Alternativen, kann man das Kind darin unterstützen Sprachfähigkeiten zu erlangen und zu lernen welche Handlungsalternativen es haben könnte. 

Zu viele Erklärungen, zu viele Monologe, tragen allein zur weiteren Überforderung bei, da, wie wir nun wissen, die Kognition eh nicht erreichbar ist, ist das ist also kontraproduktiv.

Es gibt kein Patentrezept oder die Lösung

Jedes Kind ist anders und braucht eine ganz individuelle Begleitung seiner starken Gefühle, daher gibt es kein Patentrezept und keine allgemeingültige Lösung. Die vielen Ratgeber und die sozialen Medien geben uns Tipps und Tricks, sagt uns was wir alles falsch machen und demotivieren oder überfordern oftmals nur.

Was dann?

Wenn wir unser Kind aber besser verstehen, mit seinen Möglichkeiten, seiner Entwicklung und seiner Persönlichkeit, dann können wir Wege und Lösungen finden, die genau für dieses eine Kind und diese eine Familie passt. 

Wenn dies schwer fällt oder immer wieder Stolpersteine im Weg liegen, dann ist es so wichtig ganz individuell auf die Familienkonstellation, die Umgebung und das Kind bzw. die Kinder zu schauen und sehr hilfreich wenn jemand von Außen schaut und die Veränderung begleitet.

 

Melde dich sehr gern bei mir,

 

Deine Kaia

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